Große Tulln-Gebiet, Abgrenzung und Flusssystem

Die 40 km lange Große Tulln entspringt als Laabenbach in Niederösterreich im Wienerwald am Geographischen Alpenhauptkamm nördlich der Klammhöhe. Sie fließt stets in grundsätzlicher Nordrichtung, entwässert Teilgebiete des Wienerwaldes und mündet am Westrand der Stadt Tulln in die Donau. Ihr „Schwesterfluss“, die Kleine Tulln mündete vor dem Bau des rund 15 km Donau-abwärts gelegenen Donaukraftwerkes Greifenstein am Ostrand der Stadt Tulln (im Bild unten der dortige Nibelungenbrunnen) in die Donau. Im Zuge der durch den Kraftwerksbau notwendig gewordenen Kanalisierungsmaßnahmen wurde die Kleine Tulln südlich von Tulln in Judenau in die Große Tulln eingeleitet, wodurch sich deren gänzlich innerhalb Niederösterreichs gelegenes Einzugsgebiet um 72 km² auf 330 km² vergrößert hat.

Bwag, CC BY-SA 3.0 at

Die Große Tulln gilt (bzw. galt) als Westgrenze des historischen Kulturraums Wienerwald. Der Name Wienerwald ist nämlich (ähnlich dem Bregenzerwald) auch ein historischer, topographisch nicht exakt abgrenzbarer Regionsbegriff, der nicht ganz identisch ist mit dem von der Alpenvereinseinteilung der Ostalpen als eigene Gebirgsgruppe definierten Gebiet des Wienerwaldes (Abgrenzung lt. AVE: Ebenen des Tulnerfeldes im Norden und des Wiener Beckens im Osten, Flussläufe von Triesting und Gölsen im Süden und die Traisen als Westgrenze).

Die Entwicklung als Regionsbegriff begann im Zeitalter der Romantik am Beginn des 19. Jahrhunderts mit der Entdeckung der Natur als Erholungs- und Freizeitraum für die städtische Bevölkerung. Nicht nur von der Oberschicht Wiens, die in der näheren Umgebung der Metropole Jagdschlösser errichtete, von denen beispielsweise jenes von Mayerling, in dem der damalige österreichische Thronfolger Kronprinz Rudolf mit seiner Geliebten Selbstmord verübte, legendenumwobenen Kultstatus erlangte, wurde diese mittelgebirgsartige Gegend zu Entspannungszwecken genützt. Auch das einfachere Bürgertum vereinnahmte dieses Naherholungsgebiet für sich als Tagesausflugsziel am Wochenende und es wurden dorthin von Wien aus sogenannte „Landpartien“ unternommen. Dies dürfte auch der Grund dafür sein, dass, – obgleich das Landschaftsbild westlich und östlich der Großen Tulln gleich ist -, dieser Fluss als Westgrenze dieser Region gesehen wurde. Die weiter westlich gelegenen Gebiete waren von Wien zu weit entfernt, um sich (angesichts der Verkehrsmittel des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts) als Tagesausflugsziele zu qualifizieren. Dies hat sich allerdings im auslaufenden 20. Jahrhundert geändert und das Gebiet zwischen Großer Tulln und Traisen bekam sogar den Namen Wiesen-Wienerwald, sodass nunmehr topographische Abgrenzung und Kulturregion einigermaßen übereinstimmen, wobei nicht unerwähnt bleiben soll, dass der Kulturraum schon immer von der Wiener Bevölkerung als zweigeteilt gesehen wurde. Man unterscheidet begrifflich ohne exakt definierte Grenzziehung zwischen dem Westlichen Wienerwald und dem Südlichen Wienerwald. Innerhalb Wiens wird das Gebiet des Lainzer Tiergartens als Grenze gesehen, die von dessen Südwestrand als imaginäre Lienie bis zum Gerichtsberg verläuft. Das Landschaftsbild dieser beiden Gebiete ist jedoch unterschiedlich.

Der Westliche Wienerwald ist ein sanftes, welliges und von Laubwald bedecktes Hügelgebiet, in dem sich immer wieder größere Wiesenflächen breit machen, die auch zum Obstanbau (z. B. für Elsbeeren, siehe Bild unten) genutzt werden.

© Thomas Rambauske-bergnews

Die Hänge des Südlichen Wienerwaldes sind steiler, schroffer und (bereits vom Pannonischen Klima beeinflusst) trockener und zur Hälfte mit Nadelwald bedeckt. Der Übergang in die Ebene des Wiener Beckens ist eine tektonische Bruchstelle, was sich einerseits durch ständige seismische Aktivitäten und andererseits durch das Auftreten von heißen schwefelhaltigen Quellen bemerkbar macht, die schon von den Römern zu Heilzwecken genützt wurden und denen die Orte Bad Vöslau und Baden ihren Kurortstatus verdanken. Entlang dieser auch Thermenlinie genannten sich bis Wien erstreckenden Bruchstelle wird an den Ostabhängen des Wienerwaldes seit vorgeschichtlicher Zeit Weinbau betrieben. Bekanntester Weinort ist Gumpoldskirchen (im Bild unten), von wo aus der Kaiserhof in Wien beliefert worden ist.

User Wolfi on de.wikipedia, CC BY-SA 3.0

Die rechte Einzugsgebietsgrenze der Großen Tulln beginnt außerhalb des Alpengebietes im Tullnerfeld am südlichen Donauufer am westlichen Stadtrand von Tulln. Sie verläuft quer durchs Stadtgebiet von Tulln (180 m, im Bild unten der Hauptplatz) und anschließend als kaum definierbare Trennlinie durchs von Kanälen durchzogene südliche Tullnerfeld.

GuentherZ, CC BY 3.0
von Verlauf der Einzugsgebietsgrenze der Großen Tulln
bis
Tullnerfeld Die rechte Einzugsgebietsgrenze der Großen Tulln passiert das zum Altarm gewordene ehemalige Bachbett der Kleinen Tulln und wird danach bei Staasdorf (180 m) von der Trasse der Neuen Westbahn gequert (im Bild unten), bis sie nach rund 7 km auf einer südlich der Ortschaft Flachberg aus der Ebene aufragenden Anhöhe (310 m) auf das Einzugsgebiet des in den Donaualtarm-Greifenstein mündenden Hauptgrabens trifft. Die nunmehrige Große Tulln/Hauptgraben-Wasserscheide fällt in Südrichtung zum westlichen Ortsrand von Ollern (240 m) ab, steigt zur auf der Scheitelhöhe des Geographischen Alpenhauptkamms gelegenen Ansiedlung Waldheim (400 m) an und endet, da dort jenseits des Große-Tulln-Gebietes das Einzugsgebiet des Hauptgrabens bereits wieder endet und jenes des Wienflusses und somit des Donaukanals beginnt. Als Große-Tulln/Wienfluss-Wasserscheide folgt sie dem Geographischen Alpenhauptkamm in Westrichtung, der sich am westlichen Ortsrand von Waldheim zur Scheitelhöhe des Riederberges absenkt. Riederberg
© eisenbahnbilder.michaelhanisch