Die Außengrenze Europas

Nach vorherrschender Lehrmeinung bildet der Hauptkamm des Uralgebirges und der Fluss Ural (ein Zufluss des Kaspischen Meeres) die Landgrenze zwischen Europa und Asien. Ausgangspunkt gegenständlicher Grenzverlaufsbeschreibung ist die Quelle des im Südural westlich des Ural-Hauptkamms entspringenden Flusses Ural.

Den Ural(fluss) als Südostgrenze Europas zu sehen war in der Vergangenheit nicht immer unbestritten. Von zahlreichen Experten, darunter vom schwedischen Offizier, Kartographen und Geographen Philip Johan von Strahlenberg, der im Nordischen Krieg in der Schlacht von Poltawa (1709) in russische Kriegsgefangenschaft geriet, über 10 Jahre in der westsibirischen Stadt Tobolsk in Verbannung lebte und dort wissenschaftlich tätig war, sahen die fast 1.000 km südlich der Uralquelle im Mugodschar-Gebirge genannten Teil der Südausläufer des Urals entspringende 712 km langen Emba, die das zwischen Aralsee und Kaspischen Meer gelegene Ustjurt-Plateau (Bild unten) durchfließt und kaum 150 km südöstlich der Uralmündung ebenfalls das Kaspische Meer erreicht (allerdings nur bei Hochwasser, da ansonsten der Fluss durch exzessive Wasserentnahme zu Bewässerungszwecken vorher versickert), als Grenze Europas.

Daniel Hug, CC BY 2.0

Auch über die Grenzziehung zwischen Kaukasus und Don bestand Jahrhunderte ein Disput und es wurde von Strahlenberg in einem 1730 in Stockholm erschienenen wissenschaftlichen Buch die Manytschniederung, eine prähistorische Wasserstraße, die das Kaspische Meer mit dem Schwarzen Meer verbunden hat, als Grenze festgelegt. Nachdem Strahlenberg vom russischen Zaren mit Detail-Vermessungsaufgaben beauftragt worden war, wurde die innereurasische Grenzfestlegung zwischen dem Nordpolarmeer und dem Mittelmeer (Asowschen Meer), nämlich Uralhauptkamm-Emba-Kaspisches Meer-Manytschniederung, noch 1730 vom Zarenhaus anerkannt und von der Wissenschaft übernommen.

Im Laufe des 20.Jahrhunderts verstärkte sich jedoch die Tendenz, nicht die Emba, sondern den Ural(fluss) als Grenze zu sehen, zumal eines der Argumente Strahlenbergs, nämlich dass die Emba auch eine ethnische Grenze zwischen asiatischen und europäischen Volksgruppen bildet, heute nicht mehr stichhaltig ist, was auch teilweise auf die im 20.Jh. stattgefundene Umsiedlungspolitik Stalins zurückzuführen ist. Aus welchen Gründen auch immer (vielleicht auch nur aus dem banalen Grund, dass es leichter zu merken ist, wenn die beiden „Urale“ die Grenze bilden), sieht die heute vorherrschende Lehrmeinung den Fluss Ural als (völkerrechtlich ohnehin irrelevante) Grenze zwischen Europa und Asien und es wird im Rahmen der folgenden Ausführung (beginnend mit der Flussverlaufsbeschreibung des Ural) dieser Sichtweise gefolgt.

Der 2.428 km lange Ural entspringt in Russland im europäischen (westlichen) Teil des Südlichen Urals in der Republik Baschkortostan auf 790 m Seehöhe in einem vom Awaljak-Rücken und Alabija-Rücken begrenzten in Südwestrichtung ausgerichteten Talkessel. Sein 244.280 km² goßes Einzugsgebiet erstreckt sich auf Teilgebiete Russlands und Kasachstans.

Kmusser, CC BY-SA 2.5

Der Fluss passiert in Südrichtung fließend nach 16 km die kleine Ortschaft Burangulowo, tritt in die Oblast Tscheljabinsk über, in der er nach 140 km die Stadt Magnitogorsk (310 m) und danach den bereits in der Oblast Orenburg gelegenen Irklinski-Stausee (245 m) passiert, in den von Westen der 225 km lange Tanalyk mündet, und erreicht knapp vor der Grenze zu Kasachstan die Stadt Orsk (200 m), knickt am sogenannten Uralknie in Westrichtung, nimmt von links den 332 km langen Or auf (185 m) und passiert nach 280 km die Oblasthauptstadt Orenburg, in der von Norden die 798 km lange Sakmara zufließt (69 m).

Weiter in Westsüdwestrichtung fließend erreicht den Ural nach 120 km von Südosten der aus Kasachstan kommende 700 km lange Ilek (53 m) und er tritt kurz danach nach Kasachstan (Gebiet Westkasachstan) über, nimmt von links die 290 km lange Utwa auf und erreicht nach weiteren 120 km die am Westufer und somit im Europäischen Teil Kasachstans gelegene Gebietshauptstadt Oral (35 m), in der von Norden der aus Russland kommende 264 km lange Tschagan zufließt.

Danach in Südrichtung durch Steppengebiet und ins Gebiet Atyrau übertretend erreicht der Ural nach über 500 km die Hafen- und Gebietshauptstadt Atyrau (-25 m, im Bild unten), nach der er ein 45 km langes Mündungsdelta bildet, an dessen Ende er in mehreren Armen im Ostteil der Nordküste knapp 150 km östlich des Wolgadeltas ins Kaspische Meer mündet.

Ds02006, CC BY 3.0

Am tiefsten Punkt ihres Verlaufes durchläuft die europäisch/asiatische Grenze in Südwestrichtung als gerade Linie das Kaspische Meer (-28 m) zwischen der Uralmündung in Kasachstan und der in Russland gelegenen Kumamündung am Ostende der Manytschniederung im nördlichen Teil der Westküste. Hier sei einschiebend erwähnt, dass in Westeuropa (England und Frankreich) nicht die Manytschniederung, sondern der südlich parallel zu dieser auch Kuma-Manych-Depression genannten Senke verlaufende Gebirgszug Großer Kaukasus (siehe Abbildung unten) als Grenze gesehen wird, wodurch nicht der Mont Blanc, sondern der Elbrus (5.642 m) höchster Berg Europas -, und das Asowsche Meer eine innereuropäische Meeresbucht wäre. Im Rahmen gegenständlicher Ausführungen wird jedoch der „resteuropäischen“, insbesonders der in dieser Frage am ehesten maßgeblichen russischen Sichtweise gefolgt.

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Die europäisch/asiatische Grenze folgt der den östlichsten Teil der Manytschniederung durchfließenden Kuma 100 km in Nordwestrichtung aufwärts bis zu ihrem Eintritt in diese Senke, wobei diese 20-30 km breite, im Zentralteil jedoch nur 1-2 km schmale Furche im Ostteil gleichzeitig die Grenze zwischen den russischen Verwaltungseinheiten Kalmückien im Norden und den auf der südlichen (asiatischen) Seite gelegenen Dagestan (im östlichsten Abschnitt) und der Region Stawropol bildet. Nachdem die Grenze das Chogray Reservoir (Stausee des Östlichen Manytsch-Flusses) durchlaufen und den auf 27 m Seehöhe gelegenen Scheitelpunkt überwunden hat, folgt sie dem Fluss Westlicher Manytsch abwärts, der den nach Asien übergreifenden „Westzipfel“ Kalmückiens (siehe Karte unten) durchquert, in die Oblast Rostow, deren Südrand ebenfalls in Asien liegt, übertritt und in den Don mündet.

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Die europäisch/asiatische Grenze folgt sodann dem Flusslauf des von Norden aus Europa kommenden und in den westlichsten, auch Kuban-Asowsche Niederung genannten Teil der Manytschniederung eingeflossenen Don abwärts, der in Westrichtung die Großstadt Rostow am Don passiert, 30 km später bei Asow deltabildend ins Asowsche Meer mündet und somit die Kontinentgrenze Europa/Asien das offene Meer erreicht hat.

In Südwestrichtung quert die europäisch/asiatische Grenze das Asowsche Meer, durchläuft die an dessen Südende gelegene 40 km lange und an der schmalsten Stelle 4 km breite Straße von Kertsch genannte Meerenge (im Bild unten), die die europäische Halbinsel Krim im Westen von der asiatischen Halbinsel Taman im Osten trennt, und erreicht das Schwarze Meer.

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Die Kontinentgrenze quert das Schwarze Meer in Südwestrichtung bis zum Bosporus, passiert (an beiden Seiten von türkischem Staatsgebiet flankiert) diese Kleinasien von Europa trennende Meerenge sowie das anschließende Marmarameer und danach die Meerenge der Dardanellen (im Bild unten der Blick über diese Meerenge von Europa nach Asien).

Julian Nitzsche, CC BY-SA 4.0

Im nunmehr erreichten Ägäis genannten Ostteil des Mittelmeeres wird der Grenzverlauf zwischen Asien und Europa der Staatsgrenze zwischen der Türkei und Griechenland gleichgesetzt, obwohl viele griechische Inseln der Küste Kleinasiens (Türkei) näher liegen als dem griechischen Festland bzw. der europäischen Balkanhalbinsel. Die im Levantisches Meer genannten östlichsten Teil des Mittelmeeres gelegene Insel Zypern wird zwar dem europäischen Kulturkreis zugeordnet, gehört aber geographisch zu Asien, weshalb die Grenze Europa/Asien zwischen der Westküste Zyperns und der Ostküste von Rhodos in Südwestrichtung verläuft, die Ostküste Kretas passiert und in Westrichtung drehend zur Grenze zwischen Europa und Afrika wird.

Die im östlichen Teil der Südküste Kretas gelegene Stadt Ierapetra rühmt sich als südlichste Stadt Europas (35° 0′ 20″ N, 25° 44′ 0″ E). Das Kap Tripiti (im Bild unten), die Südspitze der der griechischen Insel Kreta südlich vorgelagerten kaum 100 Einwohner zählenden kleinen Insel Gavdos gilt als südlichster Punkt Europas (34° 48′ 0″ N, 24° 7′ 0″ E).

NackteElfe, CC BY-SA 3.0

Die Grenze zwischen Europa und Afrika verläuft parallel zur afrikanischen Küste in Westrichtung, umgeht südlich die südwestlich von Malta gelegenen Pelagischen Inseln (größte Insel: Lampedusa), die zwar geologisch zu Afrika gehören, aber als südlichster Teil Italiens Europa zugeordnet werden, dreht kurz in Nordwestrichtung und durchläuft, – die kaum 70 km von der tunesischen Küste entfernte italienische Insel Pantelleria westlich passierend -, die Straße von Sizilien, dreht wieder in Westrichtung und und folgt der südlich parallel verlaufenden afrikanischen Küste bis zur Straße von Gibraltar und tritt durch diese in den Atlantik über.

Cubanito, CC BY-SA 3.0; Die Meerenge der Straße von Gibraltar mit Blickrichtung Afrika

Von den Atlantikinseln werden außer den Britischen Inseln und Island auch die zu Portugal gehörende auf der Plattengrenze zwischen Afrikanischer und Europäischer Platte gelegene Inselgruppe der Azoren, deren westlichste zwei Inseln allerdings geologisch bereits auf der Nordamerikanischen Platte liegen, gänzlich Europa zugeordnet. Nach der Straße von Gibraltar verläuft die Grenze Europa/Afrika im Atlantik in Westnordwestrichtung bis zu den Azoren, die sie zuerst südlich –, und danach in Nordnordostrichtung, – zur Grenze Europa/Amerika geworden -, westlich passiert. Auf der Azoren-Felseninsel Monchique bei Flores (im Bild unten) liegt der westlichste Punkt Europas (39° 27′ 0″ N, 31° 16′ 0″ W).

Fast 3.500 km weiter nördlich passiert die europäisch/amerikanische Grenze die Westküste Islands, dreht in Nordnordostrichtung und durchläuft die zwischen Island und der zum amerikanischen Kontinent gehörenden Insel Grönland (2.166.086 km², größte Insel der Welt) gelegene 480 km lange Dänemarkstraße, die den Atlantik vom Grönlandsee genannten Nebenmeer des Nordpolarmeeres trennt.

© wikiwand; die Dänemarkstraße von Island aus gesehen

Die Grenze Europas passiert westlich die norwegische Insel Jan Mayen und dreht, nachdem sie auch die norwegische Inselgruppe Spitzbergen, deren Hauptinsel Svalbard die fünftgrößte Insel Europas ist, westlich passiert hat, in Ostnordostrichtung und umschmiegt im Uhrzeigersinn in Südsüdostrichtung drehend die zu Russland (Oblast Achangelsk) gehörende aus 191 Inseln bestehende Inselgruppe Franz-Josef-Land, die nach britischen Lehrmeinungen zu Asien gehört.

Das auf der nördlichsten Insel des unbewohnten Franz-Josef-Land-Archipels (Lage im Bild oben), der Rudolfs-Insel (Lage im Bild unten) liegende Kap Fligely ist nur mehr 900 km vom Nordpol entfernt und ist der nördlichste Punkt Eurasiens (81° 50′ 35.02″ N, 59° 14′ 21.98″ E).

Die Grenze (nunmehr wieder zwischen Europa und Asien) verläuft zur Nordspitze der die Karasee im Osten von der Barentssee im Westen trennenden russischen Doppelinsel Nowaja Semlja (Oblast Achangelsk), die (wieder einhellig) Europa zugeordnet wird, weshalb die Grenze entlang deren Ostküste im westlichsten Teil der Karasee verläuft und auf das eurasische Festland östlich der Jugorstraße in der Baydaratskayabucht trifft, in der der Hauptkamm des Polarural die Küste ungefähr am 67. östlichen Längengrad und damit am östlichsten Punkt Europas erreicht.

Die bis zu 400 m dick vergletscherte Sewerny-Insel, die Nordinsel Nowaja Semljas, ist (nach Großbritannien, Island und Irland) die viertgrößte Insel Europas.

SevernyIsland.svg: User:Kennonv, CC BY-SA 3.0

Die größte zusammenhängende Gletschermasse der Nordinsel hat eine Fläche von 19.800 km² und stellt damit die größte Eiskappe der Erde dar; größer sind nur die Eisschilde genannten Vergletscherungen von Antarktika und Grönland. Die Nordinsel ist von der Juschny-Insel, der Südinsel Nowaja Semljas (sechstgrößte Insel Europas) durch die 100 km lange, an der engsten Stelle nur 600 m breite und meist zugefrorene Meerenge Matotschkin Schar (im Bild unten eisfrei) getrennt.

© wikimapia

Am 30. 10. 1961 wurde dort die stärkste Wasserstoffbombe getestet (Zar-Bombe, 57 Megatonnen TNT-Äqivalent) und erzeugte die größte jemals von Menschen verursachte Explosion. Beide Inseln werden vom indigenen Volk der Nenzen bewohnt. Im Zuge der 130 Atomtests (von 1955 bis 1990 wurden 88 atmosphärische, 39 unterirdische und 3 Tests unter Wasser durchgeführt) wurde der größte Teil der Bevölkerung abgesiedelt.

In Südwestrichtung steigt die Grenze innerhalb Russlands im Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen zum Hauptkamm des Polarurals an, wird, – in den Subpolarural und in den Autonomen Kreis der Chanten und Mansen übergehend -, zur Wasserscheide zwischen Nordpolarmeerzuflüssen, nämlich dem asiatischen Fluss Ob (mündet in die Karasee) und den europäischen Flüssen Kara (mündet in der Baydaratskayabucht ebenfalls in die Karasee) und Petschora (mündet in die Barentssee). Als solche überwindet sie noch im Subpolarural den höchsten Berg des Urals, die 1.895 m hohe Narodnaja (im Bild unten) und hat damit den höchsten Punkt ihres Verlaufes erreicht.

© pavelfilatov

Sie folgt weiter der Wasserscheide Petschora/Ob entlang des Ural-Hauptkammes, dreht am Übergang zum Nordural in Südrichtung und vereinigt sich in dessen Südteil, wo auf der europäischen Seite der Wasserscheide das Einzugsgebiet der Petschora endet und jenes der Wolga beginnt, mit der in Vorkapiteln bereits beschriebenen Eurasischen Hauptwasserscheide.

Die Grenze Europa/Asien folgt weiter in Südrichtung dem dort die Eurasische Hauptwasserscheide bildenden Hauptkamm des Ural, durchläuft den Mittleren Ural, erreicht im nördlichen Südural den in der Kammkette liegenden Awaljak-Rücken, wo sie sich von der Wasserscheide trennt, den Hauptkamm verlassend in Südwestrichtung zur Uralquelle abfällt und somit zum Ausgangspunkt gegenständlicher Grenzverlaufsbeschreibung des Europäischen Kontinents zurückkehrt.